„Wenn alle den Verbrecher jagen, wer bleibt dann eigentlich beim Opfer?“ Diese Frage war einer der Auslöser dafür, dass sich seit dem 01.08.2003 Pensionäre des Polizeipräsidiums Karlsruhe unter dem Motto „Opfereinsatz auch im Ruhestand“ zusammengefunden haben. Waren es anfänglich 12 „Jung-Pensionäre“, so ist die Zahl auf zwischenzeitlich 20 Pensionäre angewachsen.
Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, sich aktiv in die Opferhilfe einzubringen, wodurch sie einen wertvollen Dienst an Bürgern leisten, die durch Straftaten oder Unglücksfälle aus ihrer gewohnten Bahn geworfen wurden.
Das Konzept sieht vor, dass sich die berufs- und lebenserfahrenen Kollegen und Kolleginnen der oft älteren und meist auf sich allein gestellten Opfer ganz persönlich annehmen und ihnen ehrenamtlich, unentgeltlich und professionell helfen, ihr Gefühl der Hilflosigkeit und Unsicherheit zu überwinden. Allerdings spielt das Alter des Opfers genauso wenig eine Rolle wie die Schwere des Deliktes oder Unglücksfalles; geholfen wird jedem, der diesbezüglich der Hilfe bedarf.
Dabei geht es neben der mitmenschlichen Zuwendung zumeist um ganz pragmatische Hilfestellungen wie z.B. die Begleitung und Unterstützung bei Behördengängen, die Herstellung von Kontakten zu Beratungsstellen und Hilfseinrichtungen (Weißer Ring, …) sowie die Hilfe bei der Beantwortung versicherungstechnischer Fragen.
Manchmal genügt aber auch das „einfache“ persönliche Gespräch, denn der reiche Erfahrungsschatz und die Einfühlsamkeit der Ruheständler geben dem Opfer den dringend benötigten psychischen Halt.
So drückt dies z.B. eine ältere Dame, die Opfer eines Handtaschenraubes geworden war, in einem Dankschreiben mit folgenden Worten aus:
„…..insbesondere war die freundliche Beratung und Hilfe durch den Polizeipensionär von der Opferbetreuung wirklich das Beste. Ich finde es sehr gut, dass es diese Einrichtung der Opferbetreuung gibt. Als allein stehende, ältere Frau wäre ich sicherlich zu der Zeit nicht fähig gewesen, die anstehenden Angelegenheiten zu regeln. Es stärkt das Vertrauen. „
Die Frage, wie das Opfer in den Genuss dieser Hilfe kommt, hat der Sachbearbeiter des jeweiligen Falles zu klären. Nach eingehender, sensibler Prüfung entscheidet dieser, inwieweit er dem Opfer einer Straftat oder eines Unglücksfalles entsprechende Hilfestellung anbieten bzw. auf Wunsch vermitteln kann. Die Anforderung eines pensionierten Kollegen erfolgt vom Sachbearbeiter bei der Opferschutzkoordinatorin, in dringenden Fällen über den Polizeiführer vom Dienst. Selbstverständlich wird zuvor das Einverständnis des Opfers eingeholt.
Die Zusammenarbeit mit den etablierten Hilfseinrichtungen und Beratungsstellen, zu denen das Projekt nicht in Konkurrenz steht, funktioniert ausgesprochen gut. Insbesondere der Weiße Ring fordert hin und wieder einen „Opferschützer“ des hiesigen Projektes an.
Koordinierungsarbeit und weitere Unterstützung wird von der Opferschutzkoordinatorin des Polizeipräsidiums Karlsruhe vorgenommen. Sie ist in ständigem Kontakt mit den angeforderten Pensionären.
Zum Zwecke des Erfahrungsaustausches und zur Gewährleistung einer möglichst effizienten Arbeit treffen sich die Opferschützer mindestens einmal im Jahr.
Das Projekt „Opfereinsatz auch im Ruhestand“ hat im Jahr 2004 bei dem landesweit in Baden-Württemberg ausgeschriebenen Ehrenamtswettbewerb „Echt gut!“ teilgenommen und unter mehr als 1700 Bewerbern die Finalrunde erreicht. In der Rubrik „Soziales Leben“ ist es sogar unter den ersten Zehn „gelandet“.
Beim Ehrenamtswettbewerb in Karlsruhe am 11.06.2005 unter dem Motto „Recht.So!“, an dem 120 ehrenamtlich und freiwillig Engagierte teilgenommen haben, erhielt das Projekt von der Jury eine mit einem Preisgeld verbundene Auszeichnung.
Opferschutzkoordinatorin Ulla Stärk vor dem Plakat „Opfereinsatz auch im Ruhstand“
Um den Bekanntheitsgrad dieses bislang bundesweit einmaligen Projekts unter den Kollegen und der Bevölkerung im Stadt- und Landkreis Karlsruhe weiter zu erhöhen, ist zwischenzeitlich ein einheitliches Öffentlichkeitsprofil in Form von Plakat, Flyer, Post- und Visitenkarten erstellt worden.